Der Streit um Shakespeare

 Wilfried Augustin

William Shakespeare ist Englands größter und bekanntester Dichter, siehe Bild. Umso befremdlicher ist, dass nicht unumstößlich klar ist, wer er war und wer seine Texte geschrieben hat. Es herrscht ein unerbittlicher  literarischer Krieg zwischen der Gruppe der „Stratfordianer“ und der Gruppe der „Oxfordianer“. Während die Stratfordianer sagen, Shakespeare sei eben Shakespeare und die Texte ausschließlich von ihm, behaupten die Oxfordianer, Shakespeare hätte nur seinen Namen hergegeben. Geschrieben wurden seine Dichtungen in Wahrheit von einem Mitglied des Adels, Edward de Vere, 17. Graf von Oxford. Neutral scheint wohl niemand zu sein. Für uns deutsche Normalbürger ist der Streit weitgehend unbekannt und scheint uns ein wenig obskur zu sein, eben typisch britisch.

Was wäre jedoch, wenn unser eigenes „Volksgenie“ Goethe und seine Arbeiten eine ungeklärte Identität hätten? Würde uns das kalt lassen? Wohl kaum! Heere von Germanisten und Deutschlehrern würden sich literarische Schlachten liefern. Wenn dann auch noch eine Verstrickung Goethes oder seiner potenziellen Schriftstellerersatzfigur in die Politik dazu käme, würden auch hier auf dem Kontinent die Wogen hoch gehen.

Wohl wissend um diese englische Kontroverse hatten wir als Einstieg in dieses Thema einen Beitrag von Georges Bourbaki in SYNESIS Nr. 2/2005 gebracht, der ausführte, dass Shakespeare die bekannten Dichtungen gar nicht geschrieben haben konnte.

Als Antwort darauf brachten wir im SYNESIS-Magazin Nr. 2/2011 einen Artikel von Helen Moorewood, einer Shakespeare-Forscherin und bekennenden Stratfordianerin. Titel: „Die Shakespeare-Stanley-Epitaphe in Tong, Shropshire“. Darin beschreibt Helen Moorewood sehr detailliert das Umfeld Shakespeares, seine Kontakte und Erziehung in adeligen Kreisen und damit sein soziales Ansehen. Danach wäre er sehr wohl in der Lage gewesen, die bekannten Dichtungen zu schreiben. Es bedurfte keiner Spekulationen um andere Inkognitoautoren.

Nun kam kürzlich der Film „Anonymus“ von Roland Emmerich in die Kinos. Dabei geht es genau um dieses Geheimnis der Identität Shakespeares. Emmerich ist ein Spezialist für Actionfilme. Trotzdem nennt er seinen Film historisch. Was hat er also daraus gemacht, und was sagt die Shakespeare-Forscherin Helen Moorewood dazu? Wir waren sehr gespannt und haben sie um Stellungnahme gebeten.

Lesen Sie nachfolgend ihren Beitrag. Wir sind sehr stolz darauf, den Beitrag der britischen Forscherin zu diesem Thema im SYNESIS-Magazin bringen zu können.

 

  Der Film „Anonymus“

von Roland Emmerich

Die entscheidende Frage: Wer eigentlich war William Shakespeare?

 Helen Moorwood

Das Folgende ist die kürzest mögliche Zusammenfassung meiner Kritik an Anonymus als Engländerin in Deutschland und Shakespeare-Forscherin, die diese Kritik für die Leser des SYNESIS-Magazins auf Deutsch geschrieben hat:

• Wundervolle Kinematografie und Schauspieler,

• häufig verwirrende Nebenhandlungen und Rückblenden,

• auf keine Weise hat Edward de Vere die Werke von Shakespeare geschrieben.

Lesen Sie dazu das Buch Contested Will (siehe Literaturempfehlung) und folgen Sie am besten der öffentlichen Diskussion um die Autorenschaft Shakespeares. Hoffen Sie, dass die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft die Ärmel aufkrempelt und dem Beispiel folgt.

Um diese Zusammenfassung zu erklären, ist es notwendig, einige Tatsachen in den Vordergrund zu rücken. Es ist der Versuch einer Zusammenfassung tausender Bücher und Artikel (und seit Kurzem Webseiten), die erschienen, bevor Roland Emmerich seinen historischen Thriller „Anonymus“ auflegte. In seiner Auslegung vertritt er die „Oxford-Shakespeare-Theorie“ mit der speziellen Variante Prinz Tudor II.

 

Was ist die Shakespeare- Autorenschafts-Kontroverse?

Anonymus, der letzte Film von Roland Emmerich, hat die Kontroverse über „Wer war Shakespeare?” und „Wer schrieb Shakespeare?” wieder belebt.

Der Film behauptet, dass alle Arbeiten, die Shakespeare zugeschrieben wurden, die von Edward de Vere, 17. Graf von Oxford, waren, der ,Shakespeare’ als seinen Künstlernamen verwendete. Dieses ist das letzte Echo von „Ost ist Ost, und Westen ist West, und nie werden die Beiden sich treffen“ [„East is East, and West is West, and never the twain shall meet”] (Rudyard Kipling, 1889). In diesem Fall sind auf den gegenüberliegenden Seiten die Stratfordianer und die Oxfordianer.

Jeder, der Anonymus mit nur einem vagen Wissen des Hintergrundes der Kontroverse anschaut, könnte sich vorstellen, dass Emmerich das Resultat eines „verlorenen und gewonnenen Kampfes, des Hurly-burlys“ (die Hexen in Macbeth) anbietet. In diesem Fall könnte man sich vorstellen, dass der Kampf durch die Stratfordianer an die Verfechter des betrunkenen Possenreißerschauspielers von Stratford verloren wurde, wie Shakespeare im Film so dargestellt wird. Während die Oxfordianer, mit Oxford als die vollkommene, stattliche, aristokratische und künstlerische Lösung, als Sieger hervorgingen.

Keineswegs war es jedoch so: Die Kampflinien wurden vor langer Zeit aufgestellt, und der ,Krieg’ wird immer noch geführt. Die Stratfordianer weisen alle möglichen Anträge von ,Shakespeare-Alternativen-Autorschaft-Kandidaten’ zurück: Sie seien irregeführt oder ,Verschwörungstheorien’, die sich über jegliche geschichtliche Tatsache hinwegsetzen.

Die Oxfordianer setzen sich nicht nur den Stratfordianern entgegen, die sie als total fanatisch und ultra-konservativ betrachten, sondern auch allen anderen alternativen Kandidaten, den Baconianern, Marlovianern, Derbyitianern, usw. und auch den Gruppen-Theoretikern.

Ich bekenne im Voraus, dass ich immer ein Stratfordianer gewesen bin und während meiner ganzen genealogischen Shakespeare-Forschung nie je einen möglichen Grund gefunden habe, meine Meinung zu ändern.

                Das Anschauen von Anonymus und das Ablesen des ganzen Radaus, der ihn umgibt, hat mich als Stratfordianer noch gefestigt. Ich bin Engländerin, studierte Germanistin und wohne in Deutschland seit über dreißig Jahren. Meine ganze archivarische Forschung auf dem Gebiet der Shakespeare-Biografie und Genealogie geschah in den Staatsarchiven und Bibliotheken in England. Während der letzten zehn Jahre bin ich auch ein regelmäßiger Besucher der Shakespeare-Forschungsbibliothek in München gewesen. Ich habe daher einen ziemlich guten Überblick über die Geschichte der meisten Bereiche der Autorschafts-Kontroverse in englisch- und deutsch sprechenden Ländern. Es ist in diesem Sinne, dass ich den Lesern des SYNESIS-Magazins meine Ansicht der wichtigsten Probleme darstelle, die durch  Anonymus angesprochen werden.

Zuerst wäre es passend, eine Zusammenfassung der Geschichte dieses ,Krieges’ zu geben, mit einigen Blicken auf die gegenwärtigen verschiedenen Kampagnen, besonders durch deutsche Autoren. Anmerkungen werden auch gegeben, welche alternativen Kandidaten in Anonymus vorkommen.

 

Die Stratfordianer

Die Stratfordianer (eingeschlossen ist die überwiegende Mehrheit in der Shakespeare- akademischen und gelehrten Gemeinschaft weltweit) haben keinen Zweifel, wer William Shakespeare, Dramatiker und Dichter, ‚The Bard’ war: William Shakespeare, Schauspieler, ältester Sohn von John Shakespeare, Handschuhmacher, Bailiff (= Bürgermeister) von Stratford-upon-Avon, Warwickshire und Mary Arden vom naheliegenden Wilmcote, Warwickshire. Alle, die ihn kannten und über ihn schrieben oder seine Arbeiten während seiner Lebenszeit und kurz nach seinem Tod veröffentlichten, hatten keinen Zweifel über seine wirkliche Identität.

In der Tat gab es während der zwei darauf folgenden Jahrhunderte überhaupt keinen Zweifel. Es gab erhöhte Frustration, dass, trotz einer enormen Menge Forschung in den 18. und 19. Jahrhunderten, noch so viele Lücken in seiner Biografie und in seiner Ahnengeschichte waren. Trotzdem gab es nie Zweifel an der Echtheit

der frühen Berichte. Für Stratfordianer hat diese Überzeugung trotz der Angriffe von allen Seiten bis heute gehalten.

Mehrere Webseiten sind diesem Thema gewidmet. Eine der populärsten und komplettesten ist „The Shakespeare Authorship Page. Dedicated to the Proposition that Shakespeare Wrote Shakespeare”. [„Die Shakespeare-Autorschaft- Seite: Gewidmet dem Vorschlag, dass Shakespeare Shakespeare schrieb”]. Sie stellt Verbindungen zu mehreren frühen Berichten von und Reaktionen zu Anonymus zur Verfügung. Möglicherweise ist eines der besten Resultate von Anonymus, dass das Shakespeare Birthplace Trust seine verschiedenen Webseiten erneuert hat, einschließlich ein Ebook mit dem geeigneten Titel ,Shakespeare Bites Back: Not so anonymous’ [,Shakespeare beißt zurück: nicht so anonym’]. Nicht länger kann diese Organisation als eine Isolationistengemeinschaft beschuldigt werden. (Die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft könnte vielleicht einige Lektionen davon lernen.) Im Sommer von 2011 starteten sie eine ,Shakespeare Authorship Campaign’ [,Shakespeare-Autorschaft Kampagne’], um die verschiedenen umstrittenen Autorschaftstheorien zu entlarven und die Stratfordianer-Position zu „demokratisieren”. Dieses war bereits im Juni 2011 in der Zeit bis zur Premiere des Filmes in einer Debatte sehr klargestellt worden, die vom BBC im Fernsehen übertragen wurde. In der Hauptrolle auf der Stratfordian-Seite war emeritierter Professor Stanley Wells, allgemeiner Herausgeber der Reihe Oxford- Shakespeare seit 1978 und Vorsitzender des Shakespeare Birthplace Trust. (Das Video ist online.) Seine Argumente stellten die Ansichten von praktisch der ganzen weltweiten gelehrten Shakespeare Gemeinschaft dar, die behauptet, dass es mehr als genügend Beweise gibt, dass Shakespeare der Dramatiker und Dichter mit dem Mann aus Stratford identisch war. Niemand von denen, die ihn kannten, haben dieses bezweifelt, und seine Identität wurde von allen für mehr als zwei Jahrhunderte vollständig akzeptiert.

 

Alternative Autorschafts-Kandidaten in Hülle und Fülle

Erst spät, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, entstand das erste ernste Misstrauen, dass Shakespeare von Stratford, mit seinem niedrigen Hintergrund und minimaler Ausbildung, dem die Arbeiten des Genies zugeschrieben worden waren, diese vielleicht nicht geschrieben haben könnte.

Der erste vorgeschlagene alternative Kandidat war Sir Francis Bacon (1561- 1626), dessen politische Karriere ihn zur Position des Lord Chancellor machte. Anerkannt war er zu seiner Zeit und seither als führender Renaissancephilosoph, -staatsmann, -wissenschaftler, -rechtsanwalt, -jurist, -autor und -pionier der wissenschaftlichen empirischen Methode. Der Vorschlag, dass er auch der Autor von Shakespeares Arbeiten war, wurde durch die Amerikanerin Delia Bacon veröffentlicht. Ihr Buch The Philosophy of the Plays of Shakspere Unfolded [Philosophie der Theaterstücke von Shakspere entfaltet] (1857) war die erste ernste Anti Stratfordian Publikation. Anhänger von dieser Theorie wurden als Baconians bekannt. Die ersten hervorragenden

Verfechter waren die amerikanischen Autoren Mark Twain und  . Es hat viele Anhänger zu dieser Theorie seither gegeben. Diese haben gegenwärtig zahlreiche Webseiten, obgleich ihre Vorherrschaft während des ganzen 20. Jahrhunderts im Schwinden war. Sie wurden ausführlich und extrem sympathisch, obgleich irrtümlich, durch den Stratfordian American Professor James Shapiro behandelt. Sein hoch gepriesenes Buch Contested Will (2010) präsentiert wahrscheinlich die beste Behandlung des Themas und wird als solche für ziemlich lange Zeit bleiben. Trotz seiner Anwesenheit als hervorragende Figur seiner Zeit erhält Sir Francis Bacon keine Rolle in Anonymus. Er wird politisch vollständig von William und Robert Cecil, Vater und Sohn, Emmerichs Erzschufte und Bösewichte, überschattet.

Am Ende des 19. Jahrhunderts kam der Vorschlag zugunsten des Dramatikers und Spions Christopher (Kit) Marlowe (1564-93). Gemacht durch den Amerikaner Wilbur Gleason Zeigler in seinem Buch, It was Marlowe: a story ofthe secret of three centuries [Es war Marlowe: eine Geschichte des Geheimnisses von drei Jahrhunderten] (1895). Nachfolger wurden Marlovianer genannt. Sie sind in den letzten Jahren von zwei deutschenAutoren, beide zufälligerweise aus München, vertreten worden: GeorgesBourbaki, der einen Artikel über das Thema in SYNESIS Nr. 2/2005 schrieb. Auszüge davon wurden in SYNESIS Nr. 2/2011 von Wilfried Augustin (Mit-Redakteur von SYNESIS) zitiert: „Wer war Shakespeare?“. Auch Bastian Konrad, ein Neurologe, veröffentlichte vor Kurzem sein Buch, Christopher Marlowe: der wahre Shakespeare (Buch & Mittel, 2011). Das Hauptproblem für Marlovianer ist, dass Marlowe seine eigenen dramatischen Stücke in seinem eigenen Namen veröffentlichte, bevor er in einer Schlägerei in Deptford 1593 getötet wurde. Zu dieser Zeit waren einige von Shakespeares größten Theaterstücken noch gar nicht geschrieben. Um dieses zu erklären, musste die Theorie erfunden werden, dass der Mann, der in Deptford starb, nicht Marlowe war, sondern jemand anders. Marlowe lebte demgemäß noch jahrelang unter einem Pseudonym auf dem Kontinent, von wo er für das Londoner Theater regelmäßig Meisterstücke lieferte. Marlowe erhält eine kleine Rolle einschließlich seines Mordes in Anonymus und wird meistens als Kit angesprochen.

Dann kamen sämtliche Grafen. Der erste vorgeschlagene Graf im frühen 20. Jahrhundert war Henry Wriothesley, 3. Graf von Southampton (1573-1624) durch den Londoner J. C. Nicol, The Real Shakespeare [Der wahre Shakespeare] (1905). Er erwarb nie eine große Anhängerschaft und seinen Anhängern wurde deshalb nie ein Name gegeben. Southamptons Hauptanspruch zum Ruhm für Shakespeare war, dass er der Adressat für Shakespeares zwei lange Gedichte Venus and Adonis (1593) und The Rape of Lucrece (1594) war. Southampton erhält eine ziemlich führende Rolle in Anonymus als der Halbbruder und gleichzeitig der Sohn von Edward de Vere, also Resultat einer inzestösen Verbindung mit Königin Elizabeth. Das ist die sogenannte Prinz-Tudor II-Variante.

Er wurde von Roger Manners, 5. Graf von Rutland (1576-1612) gefolgt, dessen Hauptqualifikationen als Autor von Hamlet sind, dass, als er in Padua war, zwei seiner Mitstudenten Rosencrantz und Guildenstern waren, und dass er 1602 Botschafter am königlichen Hof in Dänemark war. Der erste Vorschlag für ihn als Solo-Kandidaten wurde gemacht durch den deutschen Karl Bleibtreu im Der wahre Shakespeare (1907) und Die Lösung der Shakespearefrage (1909). Sein Hauptfürsprecher war der französisch/belgische Professor Célestin Demblon, „Lord Rutland est Shakespeare“, le plus grand mystère dévoilé: Shaxper de Stratford [„Lord Rutland ist Shakespeare“, das größte Rätsel enthüllt: Shaxper von Stratford] (1912). Seine Nachfolger wurden Rutlanders genannt. Die produktivsten Autoren, die seinen Fall in den letzten Jahren unterstützen, sind Russen gewesen. Als ich einen russischen Professor (obwohl Astrophysiker, nicht englische Literatur) vor einigen Jahren fragte, ob Rutland als Shakespeare in Russland weithin bekannt war, antwortete er, mit Funkeln in seinem Auge, „Nein. Aber Russen glauben überhaupt nur an Verschwörungstheorien!“ Rutland, obgleich ein naher Freund des Grafen von Southampton, hat keine Rolle in Anonymus.

Des Weiteren kam William Stanley, 6. Graf von Derby (1561-1642). Der Vorschlag wurde zuerst vom Archivar James Greenstreet in 1891 gemacht, der zwei Briefe von 1599 durch den Jesuitenspion George Fenner entdeckt hatte. Darin war angegeben, dass Stanley „beschäftigt war, Theaterstücke für die gemeinen Spieler zu schreiben“. Aber es war der Amerikaner Robert Frazer, der zuerst die Theorie in einem Buch argumentierte, The Silent Shakespeare [Der schweigsame Shakespeare] (1915). Die Kandidatur wurde hauptsächlich von den Franzosen aufgenommen, als erster Professor Abel Lefranc, Sous le Masque de William Shakespeare: William Stanley, VIe comte de Derby [Hinter der Maske des William Shakespeare] (1919). Seine Nachfolger wurden die Derbyiter genannt und haben ihren spätesten Verfechter im Amerikaner John Raithel auf seiner Webseite ,The URL of Derby’ gefunden. Der Amerikaner und emeritierte Professor Leo Daugherty hat sich auch intensiv mit Shakespeare-Derby beschäftigt in William Shakespeare, Richard Barnfield and the Sixth Earl of Derby (Cambria, 2010). In seinem Fall jedoch ist es mit dem Vorschlag, dass William Stanley ein starker Kandidat als ,W. S.’ und der ,Fair Youth’ in Shakespeares Sonetten ist, sowie der Adressat von

Barnfields Sonetten. Professor Daugherty ist vermutlich der führende Experte für William Stanley, seitdem er seine erste Biografie für das Oxford Dictionary of National Biography (2004) geschrieben hat. Ich war etwas überrascht, dass Stanley keine Rolle in Anonymus erhielt, nicht zuletzt, weil er in 1595 Elizabeth de Vere, älteste Tochter von Edward de Vere, heiratete. Auch einige Oxfordianer sind bereit, zuzugestehen, dass Derby mit Oxford zusammengearbeitet haben könnte, als die beiden Shakespeare schrieben. Sogar das gab ihm keine Rolle in Anonymus.

Schließlich als vierter und letzter der Grafen kam Edward de Vere, 17. Graf von Oxford (1550-1604) an die Reihe, durch den Nord-Englischlehrer Thomas J. Looney, vorgestellt in seinem Buch ,Shakespeare’ Identifi ed: in Edward de Vere, seventeenth Earl of Oxford [Shakespeare Identifi ziert: in Edward de Vere, siebzehnter Graf von Oxford] (London, 1920). Die Nachfolger wurden Oxfordianer genannt. Ihre größten neueren Verfechter waren Amerikaner Charlton und Dorothy Ogburn und ihr Sohn Charlton Ogburn, jr. Das letzte Buch in einer Reihe (1952, 1962) war The Mysterious William Shakespeare [Der geheimnisvolle William Shakespeare] (New York, 1984). Sie waren stolz, Sigmund Freud als Oxfords berühmtesten Verfechter zu nennen. Sympathisch über Freuds Miteinbeziehung und Argumentation wird von James Shapiro in Contested Will (2010) berichtet. Mittlererweise übernahmen die Oxfordianer die ,Prinzen Tudor Theorie‘, die Königin Elizabeth als die Mutter von jeder Menge illegitimer Kinder sah, wie Edward de Vere, Graf von Oxford, Henry Wriothesley, Graf von Southampton und Robert Devereux, Graf von Essex.

 

 

Alleinige- oder Hauptautoren

William Shakspere* 

Francis Bacon, Lord Verulam  

Edward de Vere, Earl of Oxford*                               

William Stanley, Earl of Derby  

Roger Manners, Earl of Rutland 

Sir Walter Ralegh      

Christopher Marlowe* 

Anthony Bacon   

Michael Angelo Florio  

Robert Devereux, 2nd Earl of Essex*    

William Butts 

Sir Anthony Shirley 

Henry Wriothesley, Earl of Southampton*

Cardinal Wolsey 

Robert Cecil, Earl of Salisbury*

Robert Burton

Sir John Barnard

Sir Edward Dyer

Charles Blunt, Lord Mountjoy, Earl of Devon

Queen Elizabeth*

Sir William Alexander, Earl of Stirling

John Richardson of Temple Grafton

Anne Whateley

John Williams, Archbishop of York

 

1957 wurde die Shakespeare Oxford Society gegründet und besteht noch heute mit einer sehr aktiven Webseite und einigen Hundert Mitgliedern mit ziemlich lauten Stimmen. Einer von diesen ist ein Nachkomme von Edward de Vere, Charles (Francis Topham de Vere) Beauclerk, Graf von Burford, 1. Herzog von St Albans. Sein letztes Buch, Shakespeare‘s Lost Kingdom [Shakespeares verlorenes Königreich] (2010), unterstützt vollständig die Theorie des ,Prinzen Tudor Teil II’. Noch einer ist Sir Derek Jacobi, ein berühmter Shakespeare-Schauspieler, der den Prolog in Anonymus liefert.

Zufälligerweise sind zwei der neuesten Bekehrten zur Oxford-Shakespeare- Theorie Deutsche. Einer von diesen ist selbstverständlich Roland Emmerich, der über das Thema einige Jahre gelesen hat und, gemeinsam mit dem amerikanischen Drehbuchautor John Orloff, einem Glaubensgenossen, Anonymus produzierte. Der zweite ist Kurt Kreiler, Der Mann, der Shakespeare erfand (Insel Verlag, 2009). Eine englische Übersetzung ist gerade erschienen: Anonymous Shakespeare: the Man Behind (Doeling und Galitz Verlag, 2011). Emmerich und Kreiler erschienen zusammen in einer Podiumsdiskussion auf der letzten Frankfurter Buchmesse, um ihren Film und das Buch zu fördern. Auf der Seite der Stratfordianer nahmen Shakespeare-Übersetzer Frank Günther und Tobias Döring, Professor an der LMU, München, Präsident der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft teil. Christopher Schmidt berichtete zum Abschluss in seiner Zusammenfassung:

„Hier tobt ein Religionskrieg, und Roland Emmerich hat sich mit seinem Film auf ein Schlachtfeld begeben. Nirgendwo in Frankfurt wurde so leidenschaftlich und erbittert gestritten wie in dieser Runde - der beste Beweis dafür, wie lebendig William Shakespeare ist.“ (Süddeutsche Zeitung Nr. 238/S. 17, Sa. /So. 15./16. Oktober 2011, Feuilleton, S. 17.)

Die meisten jener Bücher, die oben erwähnt werden, die die verschiedenen Kandidaten starteten, sind inzwischen als Ebooks online (mit Ausnahme von J. C. Nicol, The Real Shakespeare, 1905).

 

Eine Komödie der Irrtümer? 

Während des 20. Jahrhunderts wurden über sechzig weitere Leute als Hauptoder Gruppenautoren vorgeschlagen. Eine nützliche Auflistung von diesen erschien in John Michell, Who Wrote Shakespeare? (Thames and Hudson, 1996; Taschenbuch, 1999), S. 37, 38. (Michells Biografi e auf Wikipedia macht ihn den Lesern des SYNESIS-Magazins vielleicht interessant. Auch er interessierte sich für alle Rätsel und Geheimnisse.) Siehe Tabelle 1 und 2 (* zeigt Personen an, die mit sprechenden Rollen in Anonymus erscheinen. Einige/alle anderen können eventuell in den Hof- und Theaterszenen vom Film anonym erkannt werden. Seit 1999 sind noch mehrere neue alternative Autorenkandidaten erschienen, und die gegenwärtige Gesamtzahl ist bis zu 77 angestiegen).

 

Die Geschichte, wie sie im Film dargestellt wird 

Anonymus startete in Deutschland am 8. November 2011. Der Film schildert Edward de Vere, 17. Graf von Oxford (1550-1604) als den ,wahren’ Autor aller Werke von William Shakespeare (1564-1616). Der letztere war, der Oxfordianer- Theorie entsprechend, bloß ein Strohmann, der seinen Namen für alle Publikationen des de Veres hergab. Er wird als betrunkener, kleiner Schauspieler und Erzschurke dargestellt, der mit seinem ,Freund’ Autor Ben Jonson (1572-1637) zusammen Mitwisser dieser Täuschung war. Die wirklichen Schufte des Stückes waren die zwei Cecils, William Cecil der Vater (1520-98, alias Lord Burghley) und Robert Cecil, der Sohn (1563-1612, alias 1. Graf von Salisbury), Lordkanzler einer nach dem anderen (Da Vater Cecil Sr. 1598 starb, erscheint er meistens in den Rückblenden.) Die beiden waren Experten im Darstellen von Ereignissen und der Verschleierung von Informationen - aus ihren eigenen politischen Gründen, und nicht zuletzt bei der Entscheidung der Nachfolge zum Thron der Jungfrau-Königin (Elisabeth), die wohl gar keine Jungfrau war (was Edward aber erst am Ende des Filmes von Robert Cecil erfuhr). William Cecil hatte eine wichtige frühere Rolle im Leben von Edward de Vere gespielt. Als sein Vater starb, als er acht Jahre alt war, wurde er in den Schutz von Cecil gegeben, der ihn mit einer ausgezeichneten Ausbildung versah. Und später sorgte er dafür, dass er seine Tochter Anne Cecil heiratete. (Warnung: historische Daten und Tatsachen werden im Film manipuliert. Dieses könnte als ,dramaturgische Freiheit’ entschuldigt werden, um die Hauptaussage zu verstärken, aber, da ich die meisten geltenden Daten and Tatsachen kannte, fand ich es oft ziemlich verwirrend.)

Der Film unterstützt die Oxfordian-Theorie auf eine ziemlich deutliche Artund Weise und folgt der Theorie der ,Prinzen Tudor Teil II’. Edward de Vere war demnach nicht nur der echte Autor von allen Shakespeares Theaterstücken und Gedichten, sondern war auch Sohn von Queen Elizabeth und später ihr Geliebter.

Der Sohn dieser inzestuösen Liaison war Henry Wriothesley, 3. Graf von Southampton (1573-1626), dem Shakspeare seine zwei langen GedichteVenus und Adonis (1593) und Die geschändete Lucretia (1594) widmete.

Es folgen noch ein illegitimer Sohn der Königin Elizabeth (1533-1603) und de Vere Robert Devereux, 2. Graf von Essex (1565-1601), der einen Aufstand gegen die Königin 1601 inszenierte, wofür er seinen Kopf wegen Verrates verlor. Dieser Aufstand war eines der letzten Ereignisse resultierend aus der lang anhaltenden Verzweiflung über Elizabeth, die nie den von ihr gewünschten Nachfolger nennen wollte, bis sie auf ihrem Sterbebett im Jahre 1603 lag.

Der Theorie zufolge war Oxford einer der Haupt-(il)legitimen-Kandidaten in der Reihenfolge zum Thron (als der älteste Sohn von Elizabeth). Noch ein Kandidat war Southampton, sein Halbbruder und Sohn gleichzeitig. Essex kam auch unter ,ferner liefen’ mit mehr oder weniger den gleichen Qualifikationen wie Southampton. Tatsächlich wurde ihr Nachfolger James VI. von Schottland (1566-1625), der James I. von England wurde. Er war Sohn der Maria Stuart, Königin von Schottland (1542-87), die, wie wir alle wissen, in 1587 durch Elizabeth (und William Cecil) enthauptet wurde. Die ,Tatsache’, dass James zum Thron hauptsächlich durch die Intrigen von Robert Cecil kam, wird erfinderisch und schlau von Emmerich unterstrichen. Das Theaterstück, das am Abend vor der ,Essex rebellion’ 1601 gewählt wurde, ist geändert worden. Geschichte erzählt uns, dass es Richard II. war. Emmerich erzählt uns, dass es Richard III. war. Er erlaubte sich diese ,dramaturgische Freiheit‘, um die Nebeneinanderstellung von Richard III. (ein Buckliger) mit Robert Cecil (auch ein Buckliger) zu ermöglichen.

Das Problem, dass Oxford in 1604 starb, also vor den Premieren von mehreren Shakespeares Meisterwerken, wird scharfsinnig gelöst, indem man Ben Jonson eine zusätzliche Rolle gibt. In einer der ersten Szenen erscheint er, während er durch die Straßen von London von einer Truppe Soldaten flüchtet. Unterseinem Arm sind einige Manuskripte, die er unter den Brettern des Fußbodens der Bühne des Globe-Theaters begrub, das sofort von seinen Verfolgern angesteckt wird. Eine der letzten Szenen sieht Jonson bei der Rückkehr, um zu finden, dass die Manuskripte das Feuer und deshalb auch Oxfords Tod in 1604 überlebt hatten. Das Globe brannte tatsächlich nieder, aber erst 1613. Noch ein Beispiel der ,dramaturgischen Freiheit’ Emmerichs.

Die Biografien von allen Obengenannten sind selbstverständlich gründlich erforscht worden und erscheinen kurz aber vertrauenswürdig auf Wikipedia. Das könnte vom Interesse für einige Leser sein, um festzustellen, wie weit andere ,Tatsachen’, die im Film dargestellt werden, von der geltenden Geschichte abweichen.

Der Film ist folglich im Allgemeinen die Biografie von Edward de Vere, Graf von Oxford mit der Wiederspiegelung des Inhaltes aller üblichen Argumente durch Oxfordianer, die hauptsächlich vom dem Glauben abhängen, dass der Sohn eines Handschuhherstellers einer provinziellen Stadt, mit wenig Ausbildung nie die unsterblichen Werke des Barden hätte schreiben können. Der ‚wahre‘ Autor muss eine gute Schul- und Hochschulausbildung gehabt haben, und weit gereist sein in die Länder, die in Shakespeares Theaterstücken erscheinen. Er muss andere Sprachen gesprochen und Verbindungen am Gerichts- und königlichen Hof gehabt haben. Idealerweise müsste er ein Aristokrat sein. Edward de Vere ist folglich der vollkommene Kandidat für die Oxfordianer. Der Grund, warum er seinen Namen als der ,wahre’ Autor verborgen hat, war, dass es undenkbar gewesen wäre, in der Tat skandalös, dass ein Aristokrat für das Theater schreibt. Im Film wird er häufig versteckt in einer Loge hoch über dem Publikum gezeigt, aus der er lächelnd seine eigenen Werke anschaut und sieht, wie der ,anscheinend echte’ Autor, der Possenreißer William Shakespeare, von den Massen gefeiert wird.

 

Beiträge zu einer Gruppenautorschaft 

Barnabe Barnes  

Richard Barnfield 

Richard Burbage*  

Henry Chettle  

Samuel Daniel 

Thomas Dekker*  

John Donne, Dean of St Paul’s  

Thomas Sackville, Lord Buckhurst,

Earl of Dorset         

Sir Francis Drake  

Michael Drayton   

Walter Devereux, 1st Earl of Essex   

Henry Ferrers 

John Fletcher       

John Florio

Robert Greene

Bartholomew Griffin

Thomas Heywood

King James I*   

Ben Jonson* 

Thomas Kyd    

Thomas Logde

John lyly

Thomas Middleton       

Anthony Munday 

Thomas Nashe*    

Henry, Lord Paget     

George Peele    

Mary Sidney, Countess of  Pembroke

William Herbert, Earl of Pembroke

Henry Porter

Elizabeth Sidney, Countess of Rutland

Sir Philip Sidney

Wentworth Smythe

Edmund Spenser*

Richard Vaughan, Bishop of London

William Warner

Thomas Watson

John Webster

Robert Wilson

                             

                                                              

Frühe Reaktionen auf den Film

Viele Interviews und Debatten, die seitdem online gegangen sind, hatten bereits vor der Premiere stattgefunden. Berichte von Anonymus erschienen in der Presse der englisch sprechenden Welt sofort nach seiner Premiere am Toronto International Film Festival (TIFF) am Ende September und nach seiner Öffnung bald danach in den USA, Großbritannien und anderswo. Webseiten mit dem Thema vermehrten sich stark über Nacht (Die Eingabe von „Anonymous, Emmerich, reviews“ auf Google Mitte November produzierte über zwei Millionen Einträge!). Sofort nach der ersten Vorführung in Deutschland veröffentlichten praktisch alle Hauptzeitungen und viele kleine Zeitungen im  deutsch sprechenden Raum Berichte des Filmes. Im Allgemeinen waren Berichte in der Presse enthusiastisch. Das Hauptlob galt den großartigen Ansichten Londons um 1600 aus der Vogelperspektive, den Fachwerkhäusern in der Stadt, dem Globe-Theater in vollem Betrieb und dem Tower von London mit seinen Gefangenen, die für Folterung und/oder Enthauptung vorgesehen waren. Ein Rezensent beschreibt dies als „fabulous state-of-the-art computer-animation scenes”  [„fabelhafte Computeranimationsszenen“].

William Shakespeare

Alle Rezensenten (bis jetzt von mir gelesen) berichten kurz über dem Inhalt (wie oben angegeben), mit mehr oder wenigen Einzelheiten über Emmerichs eigene Erklärung für sein Interesse und seine Erwartung auf negative Reaktionen von der Shakespeare-akademischen Gemeinschaft. Die Annahme oder die Ablehnung der Oxfordianer-Behauptungen hängt selbstverständlich von dem Hintergrundwissen der Shakespeare- Studien durch den relevanten Rezensenten ab. Viele sind sich einig, dass diese Filmdarstellung für jedermann ziemlich überzeugend ist, der sich mit der Autorenfrage beschäftigt. Alle bemerken, es sei „typisch Emmerich“, außer dass er in diesem Fall seine Aufmerksamkeit von frei erfundenen Vorfällen weg zu einem zweifelhaften historischen Geheimnis gelenkt hat - einem Rätsel, woran er selbst leidenschaftlich glaubt. Die meisten Rezensenten nehmen zu dem Gebrauch von Rückblenden und schwierigen Nebenhandlungen Stellung.

Einige finden sie vorhersagbar in einem Emmerich-Film, und andere finden sie gelegentlich verwirrend. Im Allgemeinen wurde der Film in hohem Grade für seinen Unterhaltungswert und die Bildtechnik empfohlen sowie für sein Aufgebot ausgezeichneter Schauspieler. Einige von ihnen sind sehr gut bekannt, z. B. Vanessa Redgrave als die gealterte Elizabeth, mit ihrer Tochter Joely Richardson als ihre jüngere Version.

Kritik zu dem Inhalt, d. h. Shakespeare gegen Oxford-Shakespeare, reichen von in hohem Grade genehmigend bis zu extrem feindlich, abhängig davon, wer geschrieben hat. Die meisten Journalisten schrieben in Richtung Stratfordianer und waren folglich in hohem Grade zwischen zweifelhaft und feindlich. Viele Blogger waren Oxfordianer und folglich vorhersagbar positiv über den Inhalt und gegenüber den Stratfordian-Reaktionen feindlich.

 

Der deutsche Zusammenhang 

Was es speziell für die deutsch sprechende Welt macht, ist, dass Produzent Emmerich Deutscher ist (obgleich Unfallfilme in den USA seit fünfundzwanzig Jahren produzierend). Alle Studioszenen wurden im Studio Babelsberg in Berlin gedreht, mit einer unterstützenden deutschen Mannschaft. Emmerich deckte in einem Interview 2010 auf, als er beim Drehen in Berlin war, dass es unmöglich gewesen wäre, das in Amerika zu drehen, wo die überwiegende Mehrheit der Shakespeare-akademischen Gemeinschaft Stratfordianer war und jeden möglichen Begriff einer ,Verschwörungstheorie’ als natürliche Folgerung zurückwies. Deutsche waren mehr bereit, ihre Türen und Verstand zu dieser Shakespeare-Oxford-Theorie zu öffnen. Es ist zu unterstreichen, dass Sigmund Freud auch ein früher Verfechter der Shakespeare-Oxford-Theorie war. Auch (wie oben erwähnt), gleichzeitig mit der Forschung und der Vorbereitung für den Film über viele Jahren durch Emmerich und John Orloff (amerikanisch), der Drehbuchautor von Anonymus, erfolgte auch die Vorstellung eines Buches mit dem gleichen Thema durch den deutschen Kurt Kreiler, Der Mann, der Shakespeare erfand (InselVerlag, 2009), mit einer englischen Übersetzung, Anonymous Shake-speare: the Mann Behind (Doeling und Galitz Verlag, 2011). Diese Informationen zusammenfügend, könnten einige Leser sich vorstellen, dass das Wiederaufleben der ,Shakespeare-Oxford-Theorie’ ein deutsches Phänomen ist. Das ist jedoch nur teilweise zutreffend.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts adoptierte Deutschland Shakespeare fast als ,gebürtigen Sohn’, als die Gebrüder Schlegel (August Wilhelm und Friedrich) ihn als eine der größten Inspirationen der romantischen Bewegung annahmen. Die Schlegel-Tieck-Übersetzungen machten ihn sehr populär in Deutschland, nicht zuletzt durch Heinrich Heine. Diese Übersetzung ist während des ganzen 19. Jahrhunderts populär geblieben, und deutsche Gelehrte folgten der Autorschafts-Kontroverse mit großer Aufmerksamkeit. Jedoch, wie oben gezeigt, wurden die meisten alternativen Anwärter ursprünglich in Amerika und in Großbritannien vorgeschlagen. Ein Deutscher erschien zugunsten des Grafen von Rutland, aber in diesem Fall wurde die Führungsrolle in Frankreich und später Russland übernommen.

Die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft wurde 1864 in Weimar gegründet, zum Studium seines Lebens und seiner Arbeiten gewidmet. Sie hat eine gut gefüllte Shakespeare-Bibliothek. Neben vielen anderen Shakespeare-Zentren in Deutschland ist die Shakespeare Forschungsbibliothek der Ludwig-Maximilian-Universität München mit über 22.000 Büchern und Artikeln eine der größten der Welt, die dem ,Bard’ gewidmet ist.

Die Leser dieses Artikels könnten sich sicherlich nach den oben genannten Punkten in den letzten Absätzen vorstellen, dass der Film Anonymus ein deutscher Film ist, der eine deutsche Stellung im Geheimnis ,Wer war Shakespeare?‘ anbietet. KEINESWEGS! Die meisten deutschen Journalist-Rezensenten (die ich gelesen habe), legen Anonymus in die gleiche Kategorie wie Emmerichs vorhergehende Desaster-/Verschwörungsfilme und mehr als Anschluss zum Fantasiefilm Shakespeare in Love (1998). Das war eine ausgezeichnete Darstellung von London ca. 1600 mit seinen ganzen Hofintrigen, aber reine Fantasie. Einige lassen die Entscheidung über die Identität ganz offen, mit der Andeutung, dass die ganze Autorenschaftskontroverse viel Lärm um Nichts ist, z. B.

„So hat Roland Emmerich einen Film über die Macht, die Strahlkraft des Wortes und die Faszination des Theaters gedreht. All das feiert auch William Shakespeare in seinen Stücken. Wer immer er war.”(Michael Schleicher, Müncher Merkur Nr. 259, 10 November 2011.)

Die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft hat schon (Ende November 2011) in Online-Artikeln mit Protesten an den Behauptungen in Anonymus Anstoß genommen. Sie vertreten eher auf scholastische Weise die ,demokratisierende’ Shakespeare-Autorschaft-Kampagne vom Shakespeare-Birthplace-Trust. Der Hauptbeitrag bis jetzt ist eine eingescannte Kopie im kleinen Druck einer großen vollständigen Seite vom Shakespeare Übersetzer, „Frank Günthers Antworten auf Emmerichs Fragen im Feuilleton der WELT“. Es wird interessant sein, die Resultate des „Preisausschreibens“ auf ihrem Kongress im April 2012 in Bochum zu lesen: Wer entdeckt die meisten Sachfehler in „Anonymus“?

 

Die Ansicht über Anonymus der Autorin Helen Moorwood 

Es war selbstverständlich mit Wissen der meisten der oben genannten Tatsachen, dass ich den Film (englische Version) am 12. November am Cinema, München gesehen habe. Ich wusste im Voraus, dass ich gegenüber dieser Oxfordianer- und der Prinzen-Tudor-Version der Shakespeare-Oxford-Geschichte voreingenommen war. Ich hatte das Problem, dass ich von der Geschichte der Periode schon so viel wusste. Ich hatte unzählige Berichte vorab gelesen. Ich wusste auch im Voraus, dass meine Version mein eigenes Wissen reflektieren würde, genau wie bei allen anderen Rezensenten. Dennoch freute ich mich darauf, eine dramatische Darstellung des Lebens von einem von Shakespeares Zeitgenossen zu sehen, der sich ohne Zweifel in den gleichen Kreisen bewegte.

Wie alle anderen schätzte ich die wundervollen Szenen von London, genoss das großartige Schauspiel und fand es wert, den Film allein aus diesen Gründen anzuschauen. Ich hatte Probleme mit Emmerichs Action-Szenen. Ich hatte keine seiner vorhergehenden Action-/Desaster-Hollywood-Blockbuster Filme - Godzilla, Independence Day, 2012, und so fort, gesehen. Es war interessant zu sehen, wie gut diese Darstellungsweise dem Inhalt in diesem Fall gerecht wurde. Jedenfalls bis zu einem bestimmten Punkt. Dann aber fühlte ich mich leicht geistesgestört durch die Geschwindigkeit der Ereignisse, die nonstop abliefen, mit wiederholten Rückblenden auf fünf oder vierzig Jahren zuvor. Alle fünf Minuten, schien es, gab es einen Mord oder eine Folterszene, eine inzestuöse Liaison, einen Schwertkampf, noch einen Mord, noch ein Komplott, noch eine Intrige, einen Aufstand, eine Hinrichtung, noch eine Rückblende, usw. ... Die meisten dieser Ereignisse geschahen in der Tat, aber waren für mich, in zwei Stunden hineingestopft, überwältigend! Ich fand auch einige der vielen Nebenhandlungen eher verwirrend und war nicht immer sicher, ob wir noch fünf Jahre früher waren oder bereits zurück zur Gegenwart zwischen 1598 und 1604.

Als ich beim Schreiben dieses Artikels war, fand ich mich so verwirrt von einigen Punkten, dass ich in eine zweite Vorstellung ging, Notizbuch in der Hand, in die Museum-Lichtspiele in München. Mittlerweile hatte ich auch James Shapiro, Contested Will (2010) zu Ende gelesen. Ich klärte einige der Punkte auf, die mir bei der ersten Filmansicht unklar waren. Ich war aber immer noch verwirrt durch einige der erfundenen Ereignisse, die als Tatsache

dargestellt wurden. Um nur ein Beispiel zu geben: In einer der Rückblenden spielt Edward de Vere, ein frühreifes neun Jahre altes Kind, als Kobold in Ein Sommernachtstraum, aber nicht nur als Schauspieler, sondern auch als der Autor des Stückes! Wenn man dieses glauben kann, kann man alles glauben! Einer der Zuschauer klatschte am Ende des Filmes. Möglicherweise war er/sie eine(r) davon, der/die alles glaubt?

Emmerich lässt seine Ziele eindeutig erkennen: so dramatisch wie möglich eine Geschichte vorzustellen, an die er glaubt, in der Hoffnung, dass er irgendwelche Zaudernde in das Oxfordianer- Lager locken könnte. Sein historischer Thriller enthält folglich alle Elemente, die seine Theorie stützten. Er schrieb bekannte Geschichte neu um, wie es seinem Zweck entsprach. Ich will das nicht groß kritisieren. Schließlich verdrehte Shakespeare auch historische Tatsachen, um seinen Zwecken zu entsprechen. Aber  andererseits schrieb Shakespeare für dramatische Zwecke, während Emmerich erscheint, als habe er eine Mission. Meine Hauptkritik liegt daher in der groben Handhabung einiger historischer Daten, sowie die Einbeziehung so vieler erfundener Ereignisse als geschichtliche Tatsache und auch die Weglassung von so vielen (nach meinem Verständnis wichtigen) historischen Ereignissen. Deren Einbeziehung hätte jedoch womöglich noch mehr Nebenhandlungen und Durcheinander produziert.

Deutsche Zuschauer sollten sich des Gedankens erwehren, dass ein deutscher Filmemacher jetzt die Antwort zu allen Shakespeare-Rätseln produziert hat!

Das hat er nicht! Aber mindestens hat er eines der Rätsel populär gemacht und es lebendig erhalten für eine weitere Generation von Shakespeare-Liebhabern.

Ich zitiere Shakespeares Worte von Anthony in Julius Cäsar: „Ich komme Cäsar zu begraben, nicht um ihn zu loben“. Emmerich hatte in seinem Film vor, den Stratfordianer-Shakespeare zu begraben, und bestimmt nicht den Schauspieler von Stratford zu preisen. In Privatem (und in der Öffentlichkeit) hoffte er, dass sein Film dazu dienen würde, die Debatte offen zu halten. So habe ich wenig Hoffnung, dass die ,Shakespeare- Oxford-Theorie’ in naher Zukunft begraben wird, und habe keinen Zweifel daran, dass seine Anhänger fortfahren, den Film kurzfristig zu preisen. Meine Erwartung ist, dass der Film langfristig für seine Sichteffekte gepriesen wird, aber dass im Verstand des Publikums der Inhalt schließlich als frei erfundene Fantasie begriffen wird. Dieses hängt jedoch zum großen Teil davon ab, wie viele Zuschauer auf die Webseite der Shakespeare-Autorschaft-Kampagne gehen und sich Gegenargumente ansehen.

 

Empfohlene Lektüre

Mittlerweile kann ich ein Buch nicht genug empfehlen. Es wurde kurz vor dem Radau, der durch Anonymus ausgelöst wurde, veröffentlicht. Dieses ist öfter oben erwähnt worden: Contested Will: Who Wrote Shakespeare? (Simon und Schuster, gebundenes Buch 2010; Faber und Faber, Taschenbuch 2011) von James Shapiro, Professor von Englisch und Literaturwissenschaften an der Universität von Columbia. Dieses überprüft sympathetisch, eher aus Bedauern als aus Ärger [„more in sorrow than in anger”, Hamlet], WARUM es so viele Shakespeare-alternative Autorschaft- Kandidaten gegeben hat. Er konzentriert sich hauptsächlich auf die Ansprüche durch Baconianer und Oxfordianer und wiederholt auf höchst lesbarer Weise die Shakespeare-/Stratfordianer-Gegenargumente aufgrund von Dokumentation. Bis jetzt gibt es keine deutsche Übersetzung, aber es wird ohne Zweifel durch die Webseite der Deutschen Shakespeare- Gesellschaft zitiert. Wenn nicht, so sollte es zitiert werden. Shapiros Reaktion auf Anonymus erschien in der New York Times am 20. Oktober 2011 betitelt ,Hollywood Dishonors the Bard’ [Hollywood entehrt den Barden] (online), in dem er weit kritischer als in seinem Buch ist. Als Äquivalent von meinen eigenen Ansichten veranschlage ich zwei Berichte des Buches, mit dem ich übereinstimme. Boyd Tonkin in einem Bericht von Shapiros Contested Will in The Independent am Freitag, 26. März 2010 (online):

The „authorship question“ joins 9/11 and Diana’s death as fodder for suspicious minds keen to unmask a fourcentury old „governmental cover-up“. „Oh, that way madness lies,“ as King Lear fears. Shapiro shows us how, and why, to shun it. Die „Autorenschaftfrage“ verbindet 9/11 und Dianas Tod als Futter für die, die scharf darauf sind, ein Vierjahrhundertaltes- Komplott der Regierung zu demaskieren. „Oh, in dieser Richtung liegt Verrücktheit“, wie König Lear fürchtet. Shapiro zeigt uns, wie und warum sie zu vermeiden ist.

Noch eine Kritik des Buches war in The Guardian, Samstag, 20. März 2010 (online), womit ich auch total übereinstimme. Dieses war von Hilary Mantel, einer britischen Autorin von vielen in hohem Grade beifallswürdigen historischen Romanen, das neueste Wolf Hall (2009) im Tudor-Zeitraum (obwohl während der Herrschaft Henry VIII. eher als Elizabeth I.), der den Mann-Booker-Preis gewann. In ihrem Bericht über Contested Will schrieb sie eine Zusammenfassung von Shapiros Position und die der Shakespeare-akademischen Gemeinschaft im Allgemeinen. Sie fängt an, indem sie Shapiros vorhergehendes Buch, 1599: A Year in the Life of William Shakespeare [1599: Ein Jahr im Leben von William Shakespeare] (London, Faber und Faber, 2005) zusammenfasst:

In his brilliantly readable 1599, a study of a decisive year in the playwright’s life, Shapiro put it like this: „Shakespeare held the keys that opened the hearts and minds of others, even as he kept a lock on what he revealed about himself.“

In that book Shapiro showed that, though we may have no access to the poet’s inner workings, we do know quite a lot about the public career of the man who made a living in London as actor and playwright. We know enough to persuade a reasonable sceptic that there is only one, economical explanation for the plays: Shakespeare wrote them, mostly by himself, sometimes in collaboration. But why do so many people insist that the man from Stratford is an imposter, a fraud, a cover for some more illustrious name? Where did the controversy arise? What are its roots, and how did it grow and sustain itself?

It’s a tale of snobbery and ignorance, of unhistorical assumptions, of myths about the writing life sometimes fuelled by bestselling authors who ought to know better. The trail is strewn, Shapiro says, with „fabricated documents, embellished lives, concealed identity, calls for trial, pseudonymous authorship, contested evidence, bald-faced deception, and a failure to grasp what could not be imagined.“ ...

In seinem glänzend lesbaren Buch 1599, eine Studie eines entscheidenden Jahres im Leben des Dramatikers, präsentiert Shapiro es folgendermaßen: „Shakespeare hielt die Schlüssel, die die Herzen und den Verstand von anderen öffneten, selbst wenn er einen Verschluss enthielt, was er über sich selbst enthüllte.”

In jenem Buch zeigte Shapiro, dass, obwohl wir keinen Zugang zum Dichter haben können, zu seinen inneren Funktionen, wir uns ziemlich gut auskennen in der allgemeinen Karriere des Mannes, der ein Leben in London als Schauspieler und Dramatiker lebte. Wir wissen genug, um seine Skeptiker zu überzeugen, dass es nur eine ökonomische Erklärung für die Spiele gibt: Shakespeare schrieb sie, meistens allein, manchmal in Zusammenarbeit. Aber warum beharren so viele Leute darauf, dass der Mann von Stratford ein Hochstapler war, ein Betrüger, eine Abdeckung für irgendeinen anderen berühmten Namen? Wo entstand die Kontroverse? Was sind die Wurzeln und wie ist sie gewachsen und hat sich selbst unterstützt?“

Es ist eine Geschichte des Snobismus und Unwissenheit, von unhistorischen Annahmen, von Mythen über das Schreiberleben, manchmal verstärkt von den Bestsellerautoren, die es besser wissen sollten. Die Spur wird gelegt, sagt Shapiro, mit „gefälschten Urkunden, verschönerten Leben, verborgener Identität, Aufrufen zu Prozessen, pseudonymer Autorschaft, gewetteifertem Beweis, vorgetäuschten Identitäten, strittigen Beweisen und einer Unfähigkeit, zu begreifen, was nicht vorstellbar sein könnte.“ …­­

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